Kinderarbeit in Indien als Folge der Armut

Im Santhigiri Rehabilitation Institut erhält ein Kind therapeutische Hilfe.

Komplexität Indiens als Grundbaustein für die sozialen Probleme

Uns Europäer*innen fällt es schwer, Indien vollständig zu begreifen. Das hat viele Gründe. Indien ist dermaßen extrem und gigantisch, dass es uns schwerfällt, die Dimensionen zu erfassen. Stand 2020 leben in Indien fast 1,4 Milliarden Menschen. Das sind 378-mal Berlin – oder sechzehneinhalbmal die gesamte Bevölkerung der Bundesrepublik. Was viele nicht wissen: Indien ist ein Vielvölkerstaat. Davon zeugen neben den 29 Bundesstaaten auch die 23 offiziellen Amtssprachen, darunter Hindi, Bengalisch, Panjabi, Tamil und Englisch. Wer sich den sozialen Problemen nähern will, muss sich erst einmal bewusst machen, wie unglaublich vielschichtig und komplex dieses Land der Extreme ist.

Die Ursachen für Kinderarbeit in Indien liegen tief

Wie viele Probleme beginnt auch das Thema Kinderarbeit in Indien mit der großen Armut in der Bevölkerung. Obwohl zwischen den Jahren 2006 und 2016 der Anteil der Armen von 55 auf 28 Prozent gesunken ist, bedeutet dies immer noch, dass viele Millionen Menschen im Land weniger als 1,90 US-Dollar pro Kopf und Tag zur Verfügung haben.1 1,90 US-Dollar für Kleidung, Essen, Medikamente – einfach alles. Ein großes Hindernis bei der Armutsbekämpfung spielt die weit verbreitete Schuldknechtschaft. Arme Familien, die nicht genug Geld für Nahrungsmittel oder Medikamente aufbringen können, nehmen dubiose Kredite auf. Diese müssen sie dann unter sklavenähnlichen Bedingungen abarbeiten, nicht selten über Generationen hinweg.2 Und dieses ist leider nicht die einzige Form von Zwangsarbeit.3

Besonders schwierig ist die Situation in Indien für körperlich eingeschränkte Menschen. Es gibt kaum finanzielle oder medizinische Unterstützung, gerade in armen Familien.

Rechtliche Lage der Kinderarbeit in Indien

Indische Gesetze gegen Kinderarbeit kein Allheilmittel

Seit 2016 ist in Indien Kinderarbeit per Gesetz für unter 14-Jährige verboten und es besteht eine Schulpflicht. Unabhängig davon sieht das Gesetz jedoch verschiedene Ausnahmeregelungen vor. Unter anderem dürfen Kinder weiter in Familienbetrieben beschäftigt werden. Auch wenn die indische Regierung mit Strafen droht, stellt sich angesichts der extremen Dimensionen dieses Staates die Frage: Wer soll diese Millionen Menschen in diesem gigantischen Land kontrollieren?

Anzahl der arbeitenden Kinder ist unmessbar

Die indische Regierung geht davon aus, dass 4,4 Millionen der insgesamt 472 Millionen in Indien lebenden Kindern einer illegalen Beschäftigung nachgehen. Eine Nicht-Regierungs-Organisation geht sogar von mehr als 12 Millionen arbeitenden Kindern zwischen fünf und 14 Jahren in Indien aus.4 Während die Regierung nur jene Kinder zählt, die unter gefährlichen Arbeitsbedingungen in illegalen Fabriken oder Steinbrüchen arbeiten, helfen Millionen Kinder ihren Eltern bei einfachen Tätigkeiten wie Verkauf, Näharbeiten und Ernten auf den Feldern. Zusätzlich leben 19 Millionen Kinder in Mumbai, Delhi oder den indischen Slums wie dem Dharavi in Indien auf der Straße.5

Beispiele für Kinderarbeit in Nord- und Südindien

Kinderarbeit in der Textilindustrie Indiens

Besonders weit verbreitet ist die Kinderarbeit in der indischen Textilindustrie. Im sogenannten Teppichgürtel Indiens in der nördlichen Provinz Uttar Pradesh arbeitet eine unbestimmte Anzahl Kinder an Webstühlen zu niedrigsten Löhnen für die Teppichproduktion. Schon Kleinkinder, die in Deutschland unbeschwert in der Kita oder im Kindergarten spielen würden, sitzen dort viele Stunden häufig von morgens bis abends an viel zu großen Webstühlen und stellen Teppiche für den Weltmarkt her. 2018 deckte ein deutsches Fernsehteam auf, dass viele dieser Teppiche bei großen deutschen Handelsketten landen.6 (mehr Informationen im Artikel Kinderarbeit in der Textilindustrie)

Kinderarbeit in Steinbrüchen Indiens

Auch in vielen indischen Steinbrüchen arbeiten Kinder unter lebensgefährlichen Bedingungen. Indien verfügt über die weltweit größten Vorkommen an Naturstein, jährlich werden 50.000 Tonnen Granit nach Deutschland exportiert. Von sämtlichen Pflastersteinen, die in deutschen Städten verlegt werden, kommen mehr als 90 Prozent aus Indien. Kein Wunder: die Qualität ist gut, der Preis günstig. Einen weit höheren Preis zahlen die Kinder. Nicht nur die Verletzungsgefahr ist hoch, auch verkürzt das ständige Einatmen des Steinstaubs die Lebenserwartung der Kinder drastisch. Wächst ein Kind im Steinbruch auf, liegt die Lebenserwartung bei nur etwa 30 Jahren.7 Um die arbeitenden Kinder ist eine ganze Industrie entstanden. Kinder-Beschaffer suchen in Schulen und Kinderhorten gezielt nach neuen Arbeitskräften für ausbeuterische Produzenten. Besonders Kinder aus armen Familien, aber auch solche mit einem schwierigen Verhältnis zu ihren Eltern, werden angeworben.8

Sumangali – Versklavung junger Mädchen im Namen der indischen Tradition

Ein weiteres Beispiel, wie Kinderarbeit entsteht: Sumangali – ein aus diskriminierender Tradition geborenes, frauen- und mädchenverachtendes Ausbeutungssystem. Der Hintergrund: Obwohl seit 1961 gesetzlich verboten, verlangen traditionelle Familien, dass bei einer Hochzeit die Brauteltern ihrer Tochter eine hohe Geldsumme als Mitgift mitgeben. Diese soll als angebliche Sicherheit für den zukünftigen Ehemann und dessen Familie dienen. Oft übersteigt die Summe das Jahreseinkommen der Brauteltern. Aus diesem Grund verlangen viele Eltern, dass ihre Töchter die Mitgift für die spätere Hochzeit selbst verdienen – und überlassen sie Textilunternehmen, wo die Mädchen und jungen Frauen festgehalten und ausgebeutet werden, Willkür und insbesondere sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind.9

Unsere Projekte für indische Kinder und ihre Familien

Verbote und Strafen können nur die Symptome der Kinderarbeit in Indien bekämpfen, die Ursachen werden nicht verschwinden. Durch die extreme Armut müssen Kinder zum Einkommen ihrer Familien beitragen – es geht schlicht ums Überleben. Dadurch können sie nicht zur Schule gehen und erhalten nicht die nötige Bildung, um sozial aufzusteigen und aus der Armutsfalle auszubrechen. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen. Deshalb realisiert das Kinderhilfswerk Eine Welt weltweit Bildungsprojekte, um Kindern und Jugendlichen Zugang zu Schulen und Bildung und so einen Weg aus der Armut ermöglichen zu können.

Schüler*innen in Warankoun

Neues Schulgebäude in Warankoun (Mali).

Bildungsarbeit richtet sich an Kinder und Eltern

Dabei ist der Zugang zur Bildung nur ein Mosaikstein. Damit Kinder aus armen Familien in vollem Umfang am Unterricht teilnehmen können, kümmern wir uns um die Finanzierung der Lern- und Unterrichtsmaterialien. Außerdem gilt es, die Gesundheit der Kinder zu schützen, weshalb der Zugang zu sauberem Trinkwasser ebenfalls eine hohe Priorität genießt. Bevor allerdings ein Kind überhaupt auf der Schulbank sitzt, müssen die Eltern überzeugt werden. So gehört das Stärken des Bildungsbewusstseins bei den Eltern zu unseren Hauptthemen.

Kinder lernen im Santhigiri Rehabilitation Institut

Schüler*innen im Santhigiri Rehabilitation Institut

Besondere Hilfe für körperlich behinderte Kinder in Indien

In Indien unterstützt das Kinderhilfswerk Eine Welt eine ganz besondere Einrichtung: das Santhigiri Rehabilitation Institut. Dort erhalten Kinder und Jugendliche mit körperlichen Einschränkungen medizinische und therapeutische Hilfe. Zudem besteht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Jugendlichen können in dem nahegelegenen Berufsausbildungszentrum Fachkenntnisse in den Bereichen Elektrotechnik, Buchbindung, Computer und Büro-Management erwerben und erhalten so die Chance auf einen Arbeitsplatz. So ermöglichen Ihre Spenden jungen Menschen, die in Indien normalerweise nur wenig Zukunftsperspektive hätten, fernab von Kinderarbeit und Ausbeutung ein selbstbestimmtes Leben.

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Dieser Artikel wurde verfasst von Maori Kunigo.


1. BMZ: Indien – Wichtiger Partner in der globalen Zusammenarbeit

2. Tagesspiegel: In Indien verschwinden jedes Jahr rund 100.000 Kinder

3. Deutsche Welle: Indiens umstrittenes Gesetz gegen Kinderarbeit

4. Deutschlandfunk: Kinderarbeit in Indien; Verboten, aber immer noch allgegenwärtig

5. Plan International: Straßenkinder

6. ARD TV-Beitrag der Sendung Plusminus vom 28.10.2018

7. Tagesspiegel: Alltag in Indien – Steinbruch statt Schule

8. Stern.de: Das Geschäft mit den kleinen Händen: Wie Kinderarbeit arme Familien arm hält

9. Süddeutsche: Genäht von Sklavinnen, verramscht in Deutschland

 

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